Schaufensterkrankheit

 „So.“

Die Frau legte nacheinander Personalausweis, Krankenkarte und Impfpass auf den Tresen.

„Nehmen Sie ihn. Ich kann es nicht mehr.“

Sie legte die Hand auf die Schulter des Mannes, nickte und ging.

Er blickte ihr einige Zeit hinterher, bevor er begann, mit den Fingerknöcheln gegen die Holzvertäfelung der Rezeption zu trommeln.

 

Über die Füße würde sie gehen. Der Rest

                                                                                                           wird ihr Lied mit ihm sein.

 

Am letzten schwarzen Posthornbriefkasten der noch bewohnten Straße bereits ein gutes Stück zu weit vorbei, humpelte sie an der Friedhofsmauer gestützt den Gehweg hinauf. 

Es galt, Schritt zu halten. Am Gittertor der Ruhestätte macht er Halt und unterbrach seinen Marsch. Sie presste die Lippen zusammen und beschleunigte ihren Schritt. Das Ziel fest im Blick, gleißte von der Silhouette seines Rückens der Strahlenkranz der Straßenlaternen ihr mit jedem Augenschlag entgegen.

Die Schmerzen in den Beinen gingen sie merklich an, als sie ihn schließlich erreichte. Trotzdem gebot sie ihrem Gesicht sich zu entspannen und nahm in ihre Hände die seinen. Augenblicklich riss er sich los, sah sie an und hob die Hand. 

Um ihre Schultern herum umfasste sie klamm ein dünner Schweißfilm, als der Wind durch ihren aus der Not ihm hinterherzulaufen nur notdürftig zugeknöpften Mantel drang. So stand seine Hand einen Moment zwischen ihnen. Wozu, zum Gruß, zum Abschied, er wusste es sogleich darauf nicht mehr zu sagen, weil und weiter ging er. 

Tiefe Erleichterung, als er auf die Einfamilienhaussiedlung zusteuerte. Bevor er die Hofeinfahrt entlang ging, prüfte er erst mit seinen Faustknöcheln die gekreuzten Holzverstrebungen des den Vorgarten umschließenden hüfthohen Zaunes. So erreichte sie zeitgleich die Wohnungstür des nebenan liegenden Hauses. Ausatmend stützte sie sich auf dem Briefkasten der Maisnerschen Basis ab. Sie spähte über ihre Schulter, bevor sie den Schlüssel ins Schloss steckte, wartete solange, bis er zurückblickte, dann noch die Zeit, die es brauchte, dass er erkannte, schloss auf und ließ ihn folgen.

 

 

Die Maler waren im Heim.

Der Geruch von Farbe und Lack hatte seine Bewohner in den Aufenthaltsraum getrieben. 

Ich stand im leeren Zimmer von Herrn Maisner und machte das Bett. Die Zimmertür war nach außen geöffnet, um auf dem Flur vom Malermeister persönlich gestaltet zu werden. Die Türen sollten zu Erinnerungen und das Heim zur alten Heimat werden. Zwei dieser Portale waren bereits fertiggestellt. Frau Pfingst würde ein Klavier sehen, wenn sie morgens aufsteht und Herr Fricke seine alte Schneiderei, sobald er heute Nacht wieder den Drang verspüren sollte, wegzulaufen.

Der Malermeister holte einen neuen Topf Farbe und grüßte mich durch die offene Tür. Er hatte ein Gesicht, das ich augenblicklich mochte. Eines dieser, bei denen ein Schnauzbart sofort sympathisch und nicht ironisch wirkt, dachte ich mir so, während sich unsere Blicke bei jedem Farbwechsel trafen und wir uns so von Grün, zu Blau, zu Rot, zu Braun zulächelten. 

Wie immer, wenn ich Herrn Maisners Bett machte, erfreute ich mich an der alten Fotografie auf seinem Nachttisch. Er als junger Mann an einem Fjord, mit einem Arm eine ebenso junge Frau umarmend, im anderen Arm einen unterarmgroßen Hecht in die Luft haltend. Manchmal meinte ich, ihn heute noch so lachen zu sehen, trotz seiner stets unbekümmert starr wirkenden Miene. Ich wedelte einen dünnen Staubfilm von der jungen Frau Maisner und stellte die Fotografie zurück auf den Nachttisch. Ansonsten unterschied sich sein Zimmer nicht von den anderen, dasselbe helle Holz gemischt mit klinisch reinem Wandtapetenweiß.

Der Malermeister gab Meldung, dass er hier fertig wäre und mit dem Nachbarzimmer weitermachen würde. Ein Garten warte. 

Die Tür fiel ins Schloss und ich blickte in die ehemalige Werkstatt von Herrn Maisner. 

Ich schnappte mir das Foto seiner alten Werkstatt über dem Bett und hielt sie vor die bemalte Zimmertür.

Bis auf den Wechsel von Schwarz-Weiß in Farbe glichen sie sich wie ein Ei dem anderen. 

Ich sehe Licht, das aus verstaubten Fenstern auf eine Werkbank fällt, die von Narben und Spuren übersät die Bühne für eine Vielzahl an geschnitzten Krippenfiguren bietet. Manche stehend, manche liegend und nur zur Hälfte bis zum Rumpf fertiggestellt. Alle nach der Ordnung des Heiliges Buches um das fertig geschnitzte Jesus Kind in der Grippe verteilt. An den Wänden Sägen, Hämmer und Feilen. Nach einiger Zeit fällt mir in der Ecke ein offenes Notizbuch auf, das auf der Fotografie geschlossen ist. Links oben eine kleine geometrische Zeichnung eines Hirten, darunter handgeschriebene Sätze in alter Schreibschrift. Für die geringe Größe, die das Notizbuch auf dem Bild einnimmt, sind die Notizen überraschend genau.

 

Es galt, ihm Erinnerungen zu machen,

wo er nur so wenige noch hatte.

Weil dafür hatten die jetzt gut zu sein.

 

Die Eieruhr gab Meldung, mit einem Löffel holte sie die beiden punktgenau auf seine Vorliebe hin gekochten Eier aus dem Wasser und legte sie auf das Serviertablett. Ein wenig Käse, in Scheiben geschnittenes Roggenbrot und es schadete auch nicht, wenn sich jeden dritten Abend etwas aufgerollter Speck dazu gesellte. 

Aus dem Badezimmer Gelächter. 

Mittlerweile war das Tageslicht gewichen. Es wurde nun allzu schnell dunkel dieser Tage, deren Kürze von einer Sonne gefüllt war, die sie sehnte. Aber sie hatte nun einmal wach zu sein, wann auch immer es ihm einfiel, dass es ja schon dunkel und man noch nicht draußen gewesen wäre. Manchmal vor der Tagesschau, manchmal aber auch weit nach dem zweiten Krimi des Abends, galt es, bereit zu sein und ihm hinterherzueilen, wohin immer es ihn trieb. 

Als aus dem Badezimmer ein weiteres Mal Gelächter drang und gar nicht enden wollte, blieb nur noch ein Frühstücksei für ihn übrig. Sie öffnete die Faust und wischte die zerbrochenen, vom Dotter feuchten Schalen an ihrer Schütze über der Hüfte ab. Da trat er kichernd, lediglich mit einem Unterhemd bekleidet, aus dem Badezimmer. Im Schlepptau die brünette Junge, die ebenfalls lachte. Wie sie ihre Hand auf seine Schulter legte, senkte er seinen Kopf darauf, sodass nur noch ihre mit Glanzlack bepinselten Fingernägel zu sehen waren.

Ach Trulla, was weißt du schon, dachte sie, als die brünette Junge nach dem Waschgang am Türrahmen seine ausgesprochene Heiterkeit betonte. Natürlich musste die auch wieder die Möglichkeit eines Pflegeheims erwähnen. Doch dank ihr war ihr Mann davor gefeit, in derartige Massenunterbringungsanstalten eingewiesen zu werden. Ihr Mann war einzig, der ihre, ihn gab es nur einmal und nicht pflegestufenweise, nur weil es beizeiten wirkte, als gäbe es ihn nicht einmal einmal. 

Aber was wusste das junge Ding schon, die in ihrer Ausbildung gelernt hatte, dass Menschen zu Patienten werden mussten, um Pflege zu brauchen.

Na dann, bis morgen, verabschiedet ging man seiner Wege, die zu anderen Patienten, sie zu ihrem Lebensgefährten, der abwesend auf das von ihr zubereitete Frühstück starrte. Hier und da hob er eine Essiggurke an, befühlte das Brot oder rührte im Kaffé. Es hätte mit dem Weggang des jungen Dinges einhergehender Trotz sein können, auch wenn sie insgeheim hoffte, dass er sich seiner Heiterkeit beim Waschgang schämte. Denn schämen konnte er sich ja hoffentlich noch, wenn er sich schon nicht mehr selbst waschen konnte.

Sie wollte bereits mit dem Abwasch beginnen, als er aufstand, sich wieder setzte, üppig Speck auf eine Scheibe Landbrot schichte, Zwiebelwürfel und Paprikapulver darauf streute und so zwischen Kaffé und dazwischen getanen Essiggurken das Brot verspeiste. Auch wenn ihr das Geräusch früher Ekel bereitet hatte, wenn er den Kaffé in den noch im Kauen begriffenen Mund schlürfte, es war zur ermüdenden, aber erträglichen Gewohnheit geworden, also setzte sie sich ihm gegenüber und nippte in kurzen Schlücken an ihrem Wasser. Als er sich an sein eines Ei machte, hielt sie ihm aus einer Ahnung heraus die Handfläche hin. Abwechselnd sah er sie und ihre Hand an. Sie meinte ihn schmunzeln zu sehen, bevor sich seine Stirn in Falten legte, als er die Eierschalen in ihre Hand pellte, zwischen den Blickkontakten penibel darauf bedacht, die Schalen flach auf ihre Hand abzulegen, damit die scharfen Kanten nicht piksten.

 

 

Das Essen war eingegeben und die Grundpflege abgeschlossen. 

Satt und sauber brachte ich Herrn Maisner und Frau Pfingst in das Simulationsabteil. Statt der von der Krankenkrasse vorgeschriebenen zehn Minuten hatte ich für das Füttern der beiden deutlich länger gebraucht. Herr Maisner hatte sich mehr mit der Untersitte des Esstisches als mit dem Gulascheintopf beschäftigt, während Frau Pfingst ihre Gabel lieber als Kamm für ihre Haare benutzen wollte.


- Was soll ich denn tun? Ich kann sie ja schließlich auch nicht zwingen, zu essen oder zu duschen.

- Ich weiß ja, ist nur... Das sind schon die dritten Überstunden diese Woche. Soll ich jetzt ganz alleine ins Kino? 

- Oder wir leihen uns den Film und schauen ihn zuhause?

- Na gut. Aber bring Popcorn mit. Wie läuft der Trip nach Norwegen?

- Die Reise ist in vollem Gange. Herr Maisner hat den ganzen Morgen damit verbracht, seinen Koffer mit einer Unterhose, einem Bilderrahmen und einem Eierbecher zu packen. Und Frau Pfingst konnte ich überreden, statt der Topffplanze eine Zahnbrüste neben den vier Blusen mitzuehmen.

- Und wieder keine Hose?

- Wieder keine Hose.

 

Als wir ankamen, war die Simulation bereits in vollem Gange. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung und verließ den Startbahnhof in Richtung einer Berglandschaft. Während sich die beiden gegenübersetzten, verstaute ich ihre Koffer neben dem Essenswagen hinter der Kabine. Der neue Azubi fragte im schwarzen Hemd nach den Tickets, worauf Herr Maisner stellvertretend für Frau Pfingst ein Taschentuch vorzeigte. Der Azubi verschwand hinter den als Fenster getarnten Flachbildschirm und sprach im sonoren Tonfall, man befinde sich auf dem schnellsten Wege Richtung Endstation. 300 km/h, das schaffe nicht einmal das schnellste Auto. Man habe die Tickets kontrolliert und könne bestätigen, alle Anschlusszüge planmäßig zu erreichen. 

Da Frau Pfingst auf Kamillentee und Herr Maisner auf selbstgemachte Brote, Essiggurken und Eier bestanden hatte, reichte der Azubi nun auf einem kleinen Essenswagen eine Kanne voller Tee und gefüllte Brotzeitboxen. Während die beiden zu Käsebrot und Kamillentee aus dem Fenster schauten, holte ich mein Smartphone hervor und öffnete das Foto mit Herrn Maisners neu bemalter Zimmertür. Ich zoomte in das Notizbuch auf der Werkbank und las, was ich meinte zu verstehen.

 

Am Apfelhain wirst du mich finden

zur Osterblüte lieg ich da.

Wollte doch niemals ganz von hier verschwinden.

Nur manchmal ausgehn und dann wieder heim:

nur um zu wissen, wo das ist.

 

Auf einmal richtete sich Herr Maisner auf. Außen zogen die Wälder und Wiesen vorbei, während ich weiterlas, Schafe, Kälber, Vogelschwärme wechselten sich ab, während Herr Maisner den Kopf hin und her wandte. Frau Pfingst war dabei, ein Ei zu schälen, als er aufstand, auf mich zuging, hinter das Zugabteil schaute, den Essenswagen beiseiteschob, sich einen Koffer nahm und ihn im Simulationsabteil vor Frau Pfingst öffnete. Erstaunt blickte diese von ihrem Ei auf und auf seine von sich gestreckte Handfläche, auf der ein paar der Schalen lagen, die sie gedankenlos fallen gelassen hatte.